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Es ist die Geschichte, die dem Unternehmen eine Seele gibt

Artikel in der Rubrik Mensch & Zeit im Staatsanzeiger Baden-Württemberg erschienen am 9.11.2012:

„Wir haben ein Jubiläum?“ Das ist meistens die erste Reaktion bei Firmen, bei denen in den nächsten Jahren ein großes Jubiläum ansteht. Denn Firmengeschichte gehört nicht unbedingt zum Tagesgeschäft. So wird nicht selten mit einem Anruf eines Historikers ein völlig neues Thema auf die Agenda gesetzt.

Von Ingo Stader

Stuttgart. Dass für das runde Jubiläum „irgendetwas gemacht“ wird steht außer Zweifel. Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass die Verantwortlichen verstärkt in ihre eigene Geschichte „investieren“. Es entstehen eigene Werks- und Firmenmuseen, allein in Baden-Württemberg dürften es um die 30 sein. Zu Jubiläen gibt es zum Teil aufwendige Jubiläumsschriften, Ausstellungen, große Werbekampagnen, Kunden- und Mitarbeiterveranstaltungen.

Firmen begannen, ihre Rolle während der NS-Zeit aufzuarbeiten

Das war nicht immer so. Begonnen hat dieser Trend in den 1990er-Jahren, als mit großem öffentlichem Interesse die Zwangsarbeiterdiskussion geführt wurde. Mit dem politischen Druck aus den USA wurde damals die von Staat und Wirtschaft finanzierte Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für die Entschädigung der Zwangsarbeiter gegründet. Viele Firmen begannen, ihre Rolle während der NS-Zeit kritisch aufzuarbeiten.
Zunächst waren es vor allem die großen Unternehmen. Heute sind die Jahre 1933 bis 1945 kein Tabuthema mehr, die Enkel und Urenkelgeneration stellt sich offen diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte, auch wenn vielleicht bei dem einen oder anderen Firmenchef die Sorge besteht, dass der eigene Großvater ein Nazi gewesen sein könnte. Inzwischen sind auch Ministerien, Behörden und Verbände dazu übergegangen, ihre Geschichte aufzuarbeiten.

Seit der Finanzkrise im Jahr 2007 ist ein weiterer Aspekt hinzugekommen. Spekulationen und anonyme Finanzsysteme, die niemand mehr durchschaute, haben eine tiefe Vertrauenskrise ausgelöst und die Frage nach Werten und dem, was einen „ehrbaren Kaufmann“ ausmacht, neu aufgeworfen. Auch hier liefert die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte wertvolle Antworten. Dabei geht es nicht nur um Retroverpackungen traditionsreicher Marken, die für Beständigkeit und damit um Vertrauen werben. Es ist die Geschichte selbst, die dem Unternehmen eine „Seele“ gibt und damit einen nachhaltigen Mehrwert schafft. Ein 75, 100 oder 150jähriges Firmenjubiläum vermittelt aber nicht nur nach außen Zuverlässigkeit, diese Botschaft wirkt auch nach innen in den Betrieb. Auch die Mitarbeiter wollen wissen, woher die Firma kommt, was sie ausmacht, um sich mit ihr zu identifizieren. Denn der Erfolg einer Firma ist immer auch das Werk seiner Mitarbeiter.

So haben die Stadtwerke Tübingen zum Beispiel aus ihrem 150-jährigen Jubiläum eine „Mitwirker“-Kampagne gemacht, die Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen mit einbezog. Auch der Sparkassenverband Niedersachsen hat sein Jubiläum dazu genutzt, mit der interaktiven Internetplattform „Sparkassengeschichten“ Kunden und Mitarbeiter teilhaben zu lassen.
Die Rolle des Historikers liegt hier an der Schnittstelle von PR und Marketing: Es geht vor allem auch darum, Verständnis für die eigene Geschichte zu wecken,
Offenheit gegenüber Brüchen und Krisen zu gewinnen. Denn keine Firmengeschichte ist eine reine Erfolgsgeschichte. Diese Höhen und Tiefen in einem Unternehmen gemeinsam aufzudecken und historisch zu bewerten ist ein weiteres wichtiges Ergebnis. Daraus lassen sich auch Rückschlüsse auf Entscheidungen im Heute treffen.

Oft unterschätzt wird die Vorbereitungszeit für eine Unternehmensgeschichte. Nicht selten steht man vor einem Berg Unterlagen, die irgendwo in einem Keller lagern, oder verstreut über mehrere Standorte der Firma verteilt sind. Dann heißt es erst einmal Ordnung in das Chaos bringen und mit schnellem Blick fürs Wesentliche Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Es gibt auch Firmen und Institutionen, die ihre Altbestände an Museen oder das Wirtschaftsarchiv abgeben. Es herrscht so etwas wie eine Scheu vor diesen Unterlagen im Keller, Archiv ist etwas für „Maulwürfe“, selten wagt sich ein Vorstand in diese Tiefen hinab. Umso größer ist dann aber das Interesse, wenn die ersten Schätze gehoben sind und präsentiert werden.

Auswirkungen für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Region

Ebenfalls bei den Stadtwerkten Tübingen brachte zum Beispiel der Fund eines „Vergessenen Archivs“ wertvolle Akten und Unterlagen zur „gleislosen Bahn“ (Elektrobus) und Fernwärme ans Licht, die jetzt auch auf dem Internet-Geschichtsportal Zeit-Zeugnisse veröffentlicht sind. (http://www.zeit-zeugnisse.de/Home/themen_artikel,-Vergessenes-Archiv-_arid,180351.html) So kommen die Rechercheergebnisse einer Firmengeschichte auch der Ortsgeschichte zugute. Oder die umfangreiche Archivierung der historischen Bestände der VR-Bank Aalen: Sie führte Interessantes und Originelles zutage, was nicht nur für die eigene Bankgeschichte von Relevanz ist, sondern
besonders auch für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der gesamten Region.
Auch bei der Archivierung der Sparkasse Baden-Baden Gaggenau sind ungewöhnliche Funde zutage gefördert worden. Zum Beispiel Akten eines Vorgängerinstituts, in denen sich wertvolle Ergänzungen zur jüdischen Geschichte der Stadt Kuppenheim während der NS-Zeit finden.

Doch nicht nur Firmen holen sich professionelle Unterstützung bei historischen Recherchen und Archivaufbau. Auch öffentliche Einrichtungen wie jüngst die Stadt Oberkochen (Ostalbkreis) sind dazu übergegangen und haben sich externe Unterstützung versichert. „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“ sagte schon der Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt.
Ob der Anlass ein anstehendes Jubiläum ist, oder ob es manchmal einfach Platzgründe sind, weil balld ein Umzug oder Neubau ansteht, die ein Archiv entstehen lassen: Es handelt sich stets um das Gedächtnis und Erbe des eigenen Unternehmens. Dies verdient eine entsprechend behutsame Behandlung, die man dem geschulten Blick eines Historikers überlassen sollte".

© Staatsanzeiger, 9.11.2012

13.11.2012