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„D.I.E. Firmenhistoriker GmbH“

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Geschichte zum Anfassen: Auch das Sammeln von alten Gebrauchsgegenständen gehört zur Arbeit der Firmenhistoriker: Dr. Rainer Lächele, Harald Binder und Dr. Ingo Stader (v.r.) freuen sich über das Design eines Heizlüfters. Foto: Oliver Giers
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Maulwürfe mit historischer Brille

Pressetermin bei den Firmenhistorikern: vor 10 Jahren startete Dr. Rainer Lächele mit seiner Geschäftsidee als freier Historiker Firmenjubiläen aufzuarbeiten. Daraus hat sich eine Firma entwickelt. Seit fast zwei Jahren ist die Geschichtsagentur nun eine GmbH. Ulrike Wilpert von der Schwäbischen Post hat die Firmenhistoriker in der Galgenbergstraße, im Gebäude der Aalener Löwenbräu besucht:

"Aalen. Zu dritt sind sie Brillenträger – und zu dritt betrachten sie die Gegenwart durch die „historische Brille“. Drei Geschäftsführer, drei freie Historiker, drei unterschiedliche Biografien: Der habilitierte Aalener Kirchenhistoriker Rainer Lächele, Harald Binder, der über ein Jahrzehnt lang für die Spitzenforschung Halbleiter- und Supraleiter-Kristalle züchtete, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg zum Geschichts- und Soziologiestudium kam – und Dr. Ingo Stader, der nach mehreren Jahren PR-Arbeit in der Finanzbranche wieder zu seinen Wurzeln als Historiker zurückgekehrt ist.
Rainer Lächele ist nicht nur Wissenschaftler, sondern vor allem Netzwerker, begegnet gern Menschen, knüpft viele Kontakte. Was vor zehn Jahren daheim im Keller seines Reihenhauses in Essingen begann, hat er vor drei Jahren mit dem Umzug seines Büros in die Aalener Galgenbergstraße 8 in einen größeren Rahmen und Zusammenhang gestellt. Mittlerweile beschäftigen „D.I.E. Firmenhistoriker“ zehn Mitarbeiter – Praktikanten und Hiwis inklusive. [...]

„D.I.E Firmenhistoriker“ recherchieren Firmengeschichte, arbeiten Geschichte von Verbänden oder Sparkassen auf und reichern sie an mit Zeitzeugeninterviews. Aktuell beispielsweise haben sie 150 Jahre Stadtwerke-Geschichte in Tübingen erarbeitet, oder wirken mit bei der Eröffnung des neuen Ravensburger Wirtschaftsmuseums im September dieses Jahres. Auch die wechselvolle 125-jährige Geschichte des Sparkassenverbands Niedersachsens wurde in diesem Jahr durch die Aalener Firmenhistoriker bekannt.

Sie werfen einen ehrlichen Blick auf die alte – und manchmal vielleicht gern – vergessene Geschichte. Bei vielen anderen Aufträgen liegt der Fokus auf den Jahren 1933 bis 1945. „Diese ungetrübte Sicht auf die Geschichte wollen die Auftraggeber heute nicht mehr missen – einige fordern ihn gar explizit“, sagt Lächele. „Bis in die 90er Jahre noch waren Festschriften als prächtige Abhandlungen für Honoratioren bestimmt, die jüngste deutsche Vergangenheit wurde darin bis dahin ausgeblendet“, wird Ingo Stader konkret. Das Umdenken kam erst Ende der 1990er Jahre und steht in direktem Zusammenhang mit dem politischen Druck aus den USA, auf den hin die von Staat und Wirtschaft finanzierte Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegründet wurde.

„Diskussion um deutsche Zwangsarbeiter gab den Anstoß“
Bis dahin hatten Regierungen und Unternehmen den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern jahrzehntelang eine Entschädigung verweigert. In direktem Zusammenhang damit steht für Stader ein von da an neuer Zugang der deutschen Firmen zur eigenen Historie. „Plötzlich entbrannte ein riesiger Boom, viele Unternehmen wollten sich Klarheit verschaffen über ihre Vergangenheit.“
Ein solches Beispiel gibt auch der Sparkassenverband Niedersachsen. „Bei unseren Recherchen zur Jubiläumsfestschrift hatten wir einige Dinge aus dem Dritten Reich aufgedeckt“, erzählt Stader. Mit dem Ergebnis: Der Sparkassenverband forderte sogar eine weitere vertiefte Recherche. [...]

Historiker und software-affine Systematiker
„D.I.E. Firmenhistoriker“ verstehen sich nicht nur als wissenschaftliche Historiker mit schnellem Blick fürs Wesentliche. Sondern vor allem auch als „Archiv-Putztrupp“, als Systematiker, die mit klar geregelten Arbeitsabläufen Ordnung ins Chaos bringen. Anders wären die mittlerweile vielen parallel abzuwickelnden Aufträge von Banken, Verbänden, Gas- und Stromversorgern oder Familienunternehmen auch nicht zu bewerkstelligen.
Ihre effiziente Arbeit in Archiven und Kellern funktioniert nur mit einer vernetzten Datenbank, mit PC, Scanner und Fotoapparat. „Die an Ort und Stelle gescannten Fotos sind von solcher Qualität, dass man sie auch für den Druck verwenden kann“, erklärt Harald Binder. Der software-affine Historiker hat eigens eine Datenbank entwickelt, die feste Abläufe für die Arbeit im Archiv vorgibt. „Damit können wir innerhalb weniger Stunden hunderte wesentlicher Unterlagen scannen, ohne uns zu verzetteln.“ Und so schrumpft die geschätzte Zahl von 5000 Leitz-Ordnern innerhalb kurzer Zeit auf 800 bis 700.
Eine unverzichtbare Notwendigkeit. Denn wo die Firmenhistoriker hinkommen, ist das Chaos scheinbar heillos: unzählbar-unsortierte Akten, Dokumente und Fotos. Zwei bis drei Wochen dauert diese „Keller-Recherche“ bei Großprojekten. Die weitere „Verarbeitung“ mit Mitarbeitern und externen Schreibern wird über die vernetzte Datenbank abgewickelt.

In diesem Chaos sehen Rainer Lächele und Co. das Herz des Unternehmens, die Menschen, die dahinterstehen. Und genau das ist es, was sie an ihrer Arbeit so fasziniert. „Denn wenn ein Unternehmen nach vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten ein großes Jubiläum feiern kann, hat das seine Gründe und eine lange Vergangenheit mit meist mehreren Krisen. Es ist immer wieder fantastisch, nachzuvollziehen, wie die Firma samt Mitarbeitern das gemeistert hat.“

© Schwäbische Post 15.08.2012

17.08.2012