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Auf einem Altar der Schlosskapelle Ellwangen sind Stadt und Schloss Ellwangen im Jahr 1627 dargestellt. 18 eine noch heute schwer nachvollziehbare Renaissance. Schon sein Vorgänger hatte damit begonnen, vermeintlichen Hexen den Prozess zu machen. Doch von Westerstetten setzte diese Politik mit noch größerer Vehemenz fort und trug maßgeblich mit dazu bei, dass Ellwangen bei den Hexenverfolgungen bald einen Spitzenplatz im südwestdeutschen Raum einnahm.5 Offenbar glaubte der Fürstpropst daran, „zum Wohl seiner Untertanen gegen Hexen und Zauberer vorzugehen und Schaden von der Bevölkerung fernzuhalten“.6 Zumindest legen das zeitgenössische Aussagen nahe, etwa die des Jesuitenpaters Jacob Gretscher, der schreibt, dass Johann Christoph I. „von göttlichem Eifer entflammt und von Liebe zum Wohle seiner Untertanen“ gehandelt habe.7 Dass er dabei offenbar jedes Maß aus den Augen verlor, belegen die Zahlen. Zwischen 1588 und 1618 wurden auf Ellwanger Territorium rund 450 Menschen wegen Hexerei oder Zauberei hingerichtet, die meisten davon auf dem Scheiterhaufen. Insgesamt fielen der Verfolgung die Hälfte der Ellwanger Frauen und jeder sechste Mann zum Opfer. 1611 wurde sogar die Schwester des örtlichen Pfarrers als Hexe angeklagt, verurteilt und hingerichtet – vermutlich, weil der Pfarrer vorher immer wieder verurteilte „Hexen“ betreut und für unschuldig gehalten hatte. Das gleiche Schicksal ereilte den Bierbrauer Michael Dir: Weil er seine verurteilte Frau für unschuldig hielt und dies der Obrigkeit zu Ohren kam, starb er nach kurzem Prozess auf dem Scheiterhaufen.8 Ebenfalls im Jahr 1611 begann der Fürstpropst, die Hexenverfolgung zu systematisieren. Er richtete einen Hexenrat ein, der die Verfahren in den folgenden Jahren eigenverantwortlich durchführte. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die von Kanzler Dr. Karl Kieber verfassten 30 Verhörfragen, die der Behörde das Auffinden von „Hexen“ erleichtern sollten. Das Ellwanger Vorgehen war so „erfolgreich“, dass es bald schon überregionale Beachtung und Nachahmer fand, insbesondere im fränkischen Raum.9 Weil die Angeklagten unter der Folter meist weitere Namen nannten, stieg die Zahl der Opfer sprunghaft an. In den folgenden drei Jahren wurden in Ellwangen 300 Menschen hingerichtet, dies war fast ein Fünftel der Bevölkerung. Selbst streng gläubigen Klerikern ging dieser Kahlschlag zu weit. So schrieb der Jesuitenpater Johann Finkh: „Ich sehe nicht, wohin das führen soll und wie dies enden wird. Denn dieses Übel hat so überhand genommen und hat wie die Pest so viele angesteckt, dass nach Jahren, wenn der Magistrat weiterhin sein Amt so ausübt, die Stadt elend veröden wird.“10 Fürstpropst Johann Christoph I. indessen hielt seine „Leistungen“ auf diesem schaurigen Gebiet für so bedeutend, dass er sich sogar noch auf seinem Grabstein als „Verfolger der Hexen“ rühmen ließ. An die vermeintlichen „Hexen“ als die Opfer jener düsteren Epoche erinnert seit 2001 in Ellwangen ein Mahnmal. Seinem Wahlspruch „Candide et fortiter“ – aufrichtig und stark – blieb der Fürstpropst auch bei der Bekämpfung der Reformation treu. Umgeben von protestantischen Nachbarn, sah er eine Gefahr für sein katholisches Territorium. Ihr begegnete er, indem er aus dem Kolleg in Dillingen, wo er selbst früher Jesuitenschüler gewesen war, Ordenspatres nach Ellwangen holte, damit diese dort seelsorgerisch tätig werden. Nachdem sich 1608 mehrere südwestdeutsche Staaten zur protestantischen „Union“ zusammengeschlossen hatten, reagierte man auf katholischer Seite ein Jahr später mit der Gründung der „Liga“, die unter Leitung Maximilians von Bayern für die Erhaltung des katholischen Glaubens eintrat. Fürstpropst Johann Christoph I. ließ es sich nicht nehmen, wenig später dieser Liga beizutreten und damit die religionspolitischen Weichen für Ellwangen zu stellen.


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