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Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft – warum ein abgedankter Monarch in Zeiten der Demokratie als Namensgeber dient Dass 1926, acht Jahre nach Ende der Monarchie in Deutsch- land, ein neu gegründetes Forschungsinstitut den Namen »Kaiser- Wilhelm-Institut« erhielt, mag verwundern. Doch gab es gera- de auch in akademischen Kreisen eine weitverbreitete Ablehnung der republikanisch-demokratischen Staatsform und die Sehnsucht nach der guten alten Zeit mit Kaiser Wilhelm II. an der Staatsspitze. Der Rückgriff auf seinen Namen ist daher auch sichtbarer Ausdruck dieser, damals durchaus salonfähigen, Grundeinstellung. Seit eineinhalb Jahrzehnten fungierte die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. (KWG) als Dachorganisation diverser Kaiser-Wilhelm-Institute. 1910 hatte Kaiser Wilhelm auf der Feier zum 100-jährigen Bestehen der Berliner Universität die Gründung der KWG verkündet, die eine Trennung von Lehre und Forschung und damit bessere Voraussetzungen für die Grundlagenforschung ermög- lichen sollte. In seiner Rede führte der Monarch unter anderem aus: »... unter meinem Protektorat und Namen eine Gesellschaft zu begrün- den, die sich Errichtung und Erhaltung von Forschungsinstituten zur Aufgabe stellt ... Wir bedürfen Anstalten, die über den Rahmen der Hochschule hinausgehen und, unbeeindruckt durch Unterrichtszwecke, aber in enger Fühlung mit Akademie und Universitäten, lediglich der Forschung dienen.«21 Zum Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde Adolf von Harnack berufen, unter dessen Regie in der Folgezeit eine Reihe von Instituten mit meist chemischen Schwerpunkten eröffnet wurde, da Harnack gerade in der Chemie die erfolgversprechendsten Potenziale sah. Zur Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie im Jahre 1912 sagte er: »Scheint es doch fast, dass die Chemiker ihre Wissenschaft bereits so sicher kommandieren wie die Poeten die Poesie. Und wenn dieses Wort vielleicht doch noch ein vermessenes wäre, so ist gewiss, dass bei sicherer Ausbildung der Methoden Frucht und Lohn jeder ernsten Untersuchung zuverlässiger wirken als den Bemühungen mancher anderer Wissenschaft.«22 Finanziert wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ganz so, wie es Har- nack schon 1909 in einer Denkschrift an den Kaiser gefordert hatte, durch »eine Kooperation des Staates und privater, kapitalkräftiger und für die Wissenschaft interessierter Bürger ...«23 In der Praxis zeigte sich, dass sich als Finanziers vor allem das industrielle Großbürgertum, Banken sowie jüdische Förderer hervortaten.24 18


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